Pflege kann jeder.

Es gibt sie immer wieder, die Diskussion darüber wer nun Pflege kann und wer nicht. Ob es darum geht Arbeitslose oder Flüchtlinge mehr oder weniger freiwillig in der Pflege einzusetzen (mit mehr oder weniger guter Ausbildung) oder Fachkräfte durch Pflegehelfer zu ersetzen. Sie wollen einfach nicht sterben die total tollen Ideen wie man dem Pflegenotstand begegnet indem man die Qualität der Pflege herunterschraubt.

Ebenso ausreichend wie schlechte Ideen gibt es auch die Beispiele das Pflege eben nicht jeder kann. Neulich hatte ich mal wieder so eine Situation.

Ich trete den Frühdienst in der Rettungsstelle an und übernehme vom Kollegen die Patienten die über Nacht gekommen sind, auch im Haus bleiben sollen aber für die es noch keine freien Betten gibt. Eine davon ist Fr. Müller*.

Fr. Müller ist eine ältere Dame und kam in der Nacht wegen AZ-Verschlechterung, Unwohlsein, Schwindel und Schwäche. Eine relativ übliche und nichts sagende Beschwerdekonstellation bei älteren Patienten. Hinter sowas kann sich Einsamkeit oder Herzinfarkt verbergen, dass weiß man nie so ganz. Zusätzlich hatte Fr. Müller bei uns erstmalig Durchfall gehabt und war deshalb isoliert.

Nach der Übergabe mache ich  mich auf den Weg mich vorzustellen und meine Patienten zu begutachten da klingelt es auch schon bei Fr. Müller. Also ab ins Zimmer mit einem Lächeln das ich um die Uhrzeit meist noch nicht so ganz fühle.

„Ach das ist gut das sie da sind Schwester. Ich glaube mir ist was in die Hose gegangen vom Durchfall. Hach das ist mir noch nie passiert.“

Für mich ist das natürlich nicht das erste Mal also erstmal Fr. Müller beruhigt, ihr erklärt das das natürlich unangenehm für sie ist aber das sie ja hier im Krankenhaus ist, wir kennen sowas und das ist wirklich gar kein Problem. (Ältere Patienten schämen sich oft ganz fürchterlich dafür uns Arbeit zu machen.)

Bewaffnet mit Lappen und Reinigungsschaum mach ich mich also an die Arbeit, helfe Fr. Müller aus der Hose und… Oh. Teerstuhl und nicht zu wenig. Davon war in der Übergabe aber nicht die Rede. (Teerstuhl ist, wie der Name schon andeutet, schwarzer Stuhlgang der ein ziemlich solider Hinweis auf eine Blutung im oberen Verdauungstrakt ist.)

„Fr. Müller können sie mal ganz kurz so liegen bleiben, ich muss mal flott was holen.“

Fr. Müller nickt, ich lege noch ein Nachthemd über sie und draußen bin ich. Erstmal in die Spüle mir nen Hämoccult schnappen (Hämoccult nutzt man zum Nachweis von Blut im Stuhl) und dann den Kopf ins Arztzimmer gesteckt. Da sitzt auch noch der ziemlich fertige Nachtdienst.

„Hey D. ist bei Fr. Müller der Teerstuhl bekannt?“

D guckt mich recht entgeistert an aber zu seiner Verteidigung so guckt er immer nach dem Nachtdienst. „Wie Teerstuhl? Ne also davon weiß ich nichts.“

„Dann weißt du’s jetzt: Fr. Müller hat Teerstuhl, ich mach noch schnell den Hämoccult.“

Hämoccult ist – Wunder oh Wunder – positiv.

Die Ärzte befragen ihr Labor, die Unterlagen und melden eine Magenspiegelung an während ich Fr. Müller helfe sich frisch zu machen. Ich bin gerade fertig da steht D mit Blutentnahme und Aufklärung für die Gastroskopie in der Hand schon im Zimmer. Er bittet mich Fr. Müller noch Pantozol und Flüssigkeit anzuhängen. Gesagt, getan.

Die Blutentnahme zeigt das der Hb von Fr. Müller von 11g/dl am Vorabend auf 8g/dl heute abgefallen ist. Jetzt nicht lebensbedrohlich aber da die BE nur wegen dem Teerstuhl gemacht wurde wäre uns der Abfall eventuell erst viel später aufgefallen wenn Fr. Müller sich verschlechtert hätte. (Hb=Hämoglobin=„Blutfarbstoff“, verantwortlich für den Sauerstofftransport im Blut. Ein Abfall ist fast immer ein Anzeichen für eine Blutung und wenn er zu weit abfällt freut sich der Kreislauf darüber gar nicht).

Nachdem Fr. Müller versorgt, aufgeklärt und bewässert ist stehen D und ich im Flur – es ist fast Zeit für die Übergabe der Ärzte und die tun sie gerne am Bett bzw der Trage – zusammen mit P dem zweiten Nachtdienstarzt.

D grinst zufrieden vor sich hin. „GI-Blutung, jetzt haben wir auch endlich ne solide Diagnose für die Fr. Müller. Und Cas hats bemerkt.“

Pflege kann eben nicht jeder.

*Namen etc. natürlich geändert.

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3 Gedanken zu “Pflege kann jeder.

  1. Änschie schreibt:

    Hallo Cas. Ich möchte einfach mal sagen, ich habe als Medizinstudentin großen Respekt vor dem, was die Pflege jeden Tag aufs Neue leistet. Ich habe in Praktika vom Pflegeteam unsagbar viel lernen dürfen. Blut abnehmen bspw wurde mir von Krankenschwestern beigebracht. Daran denke ich immer wieder gern zurück – an die Tips und Tricks, die mir verraten wurden. Bei jeder Blutabnahme 🙂

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    • internistischespolytrauma schreibt:

      Vielen Dank für das liebe Kommentar ❤️ Es sind leider nicht immer alle Pflegekräfte nett zu Praktikanten, PJlern & neuen Ärzten insofern freut es mich ja das du da ein schönes Erlebnis hattest 😀
      Und mit Wertschätzung gegenüber der Pflege kommt man als Medizinerin auf jeden Fall weit, behalte dir das bei 🙂

      Gefällt 1 Person

      • Änschie schreibt:

        Ich frag immer ganz lieb, ob man mir weiterhelfen kann. Dann kann wiederum die Pflege einschätzen, was ich weiß und kann. Ist sehr angenehm, wenn man dann auch mal gebeten wird, was zu erledigen.

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